Michael G. Fritz

Auffliegende Papageien


Michael G. Fritz
Auffliegende Papageien
Roman
256 S., 130 x 200 mm
Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2019
ISBN 978-3-96311-252-2
Preis: 14,- €
ET: Oktober 2019

Cover Auffliegende Papageien

Rezensionen:


Für den Autor Fritz ist der Umgang mit deutscher Vergangenheit ein wichtiger Teil seines Schreibens. In seinem neuen Roman "Auffliegende Papageien" nimmt das Rumoren der Vergangenheit mit dem wachsenden Abstand durchaus nicht ab. Aber Fritz setzt eine Liebesgeschichte davor… Michael G. Fritz weiß spannend zu erzählen, holt Zeit zu Zeit schöne Landschaftsbeschreibungen in den Text hinein und kann Figuren bauen, die sich lebendig durch die anschwellende Handlung bewegen. Vielleicht ist ihm im siebten Roman sogar eine stärker geschlossene Dramaturgie für die erzählte Geschichte gelungen als in vorangegangenen. "Auffliegende Papageien" ist eine unbedingte Leseempfehlung.

Sächsische Zeitung


Aber unübersehbar fühlt der Protagonist sich auch in der neuen Zeit nicht wirklich aufgehoben, auf gewisse Weise heimatlos und entwurzelt... Kann das sein, dass Fritz gerade mit dieser Szene auf dem Eis dem nahekommt, wie viele Ostdeutsche heute ihr Leben empfinden? Als ein Versuch, irgendwie zu ignorieren, wie brüchig das Eis ist, wie seltsam die Situation, nie wirklich anzukommen, nie wirklich dazuzugehören? Also doch irgendwie gezwungen, sich selbst zu wärmen am Feuer?

Leipziger Internetzeitung


Leseprobe


Nachdem ihn Angelika verlassen hatte, bildeten sich bei ihm Marotten heraus. Er hielt weiterhin an der Arbeit in der Redaktion fest, zu der er kam, als sein Ostberliner Landwirtschaftsverlag in der Wendezeit eingegangen war und er in der Zeitung angeklopft hatte. Arno hatte Biologie studiert, war Lektor gewesen, nun durfte er als Volontär anfangen. Allerdings hatte er es nie zu einer Festanstellung gebracht, er landete in dem wenig befriedigenden Status der festen Freien. Mit einem Ritus beendete er seinen Arbeitstag. Er sah an der Wand im U-Bahnschacht einen Punkt, von dem Rauhputz abbröckelte, wodurch rote Ziegelsteine freigelegt wurden, die ein rostiges Drahtgeflecht überspannte, das vibrierte, sobald die U-Bahnen das Mauerwerk in Schwingungen versetzten. Die Ziegelsteinfläche veränderte ständig ihre Gestalt. Sie hatte Arno anfangs an ein Gesicht erinnert, das zu einem Mann gehörte, dann an eine weit geöffnete große Hand, jetzt, ziemlich amorph, sah es aus wie die Umrisse von Rußland. Er hatte den abstrusen Beschluß gefaßt, daß er von dieser Stelle an seinen Tag hinter sich ließ, wie man eine Tür abschließt und den Schlüssel umdreht - eine Marotte eben. Zurück blieben die Redaktion, die Zeitung, dieses Leben, das er außerhalb seiner vier Wände führte, wenn er aus dem U-Bahnschacht in den Abend hochstieg, wo ihn der Autolärm empfing. Arno strich mit der Hand über das Geländer und wischte dabei die Feuchte vom rostigen Eisen, schnippte sie zur Seite weg, die auf das Laub neben dem Weg mit einem feinen Ton perlte.
Am Fahrradständer schreckte er auf, im gleichen Moment zog es so sehr in der Magengrube, daß er seine Faust gegen den Mantel in den Bauch drückte. Er hatte heute früh nicht nur sein Fahrrad angeschlossen, sondern in seiner Müdigkeit noch ein anderes, ein Rad mit lilafarbenem, dünnem Rahmen, leicht wie eine Feder, ein Stevens, wie er sofort erkannte, ein nicht gerade preiswertes Rad. Am Gepäckträger von Arnos Fahrrad klemmte ein Zettel: "Ihretwegen mußte ich ein Taxi nehmen. Schließen Sie bitte mein Fahrrad morgen nicht wieder an! L. Laube."
Es war das Ausrufezeichen, das seinen Schmerz in der Magengegend erneut aufflammen ließ: ein Zeichen wie ein vernichtendes Urteil. Natürlich konnte er nichts anderes erwarten. Der Zettelschreiber bat ihn zwar, aber es war ein Appell an seine Aufmerksamkeit, an der zurecht gezweifelt werden mußte. Was hatte er nur angestellt! Er war zerstreut, weil er die ganze Nacht nicht geschlafen hatte: Statt des gewohnten Umschlags mit dem Geld lag der Brief im Kasten, in dem ihm eine Maschinenschrift mitteilte, daß die Zahlungen an ihn von nun an eingestellt würden, immerhin pro Quartal zweitausend EURO. Die Begründung, das konnte nicht übersehen werden, war mehr als fadenscheinig: Er hätte längst Fuß gefaßt in der neuen Zeit, verdiene sein monatliches Fixum und hätte sich eingerichtet, benötige also die Zahlungen nicht mehr. Von wegen! Er hatte sich natürlich an das Geld gewöhnt, die Summe eingeplant, die, wenige Wochen nachdem Angelika ihn verlassen hatte, von nun an regelmäßig ins Haus flatterte. Beim ersten Mal hatte er den Umschlag, der weder durch die Post zugestellt noch an ihn adressiert worden war, beim Treppensteigen aufgerissen. Erschrocken hatte er sich umgedreht, verstohlen den Umschlag in die Manteltasche gesteckt und oben nachgezählt: zwanzig gebrauchte Einhundert DM-Scheine. Sie waren gebraucht, ohne abgegriffen zu sein, auch später die EURO-Banknoten. Verstohlen drehte er sich immer um, wenn er an dem bestimmten Tag den Kasten aufschloß. Es war ihm weder klar, wie der Bote ins Mietshaus kam, noch wer ihm das Geld zusteckte. Er hatte eine vage Vermutung, war aber dem Gedanken nicht nachgegangen; niemand hätte ihm Auskunft geben können. Er nahm es als Entschädigung für den Verlust von Angelika, als Entschädigung für das Mißtrauen der Polizei, dem er in den ersten Jahren ausgesetzt gewesen war, die geglaubt hatte, er stecke mit ihr und ihrem Freund unter einer Decke; er nahm es einfach hin, weil es die einfachste Lösung war: als Entschädigung für alle Enttäuschungen seines Lebens.