Michael G. Fritz

Glückssucher und Glücksritter
Andreas Montag legt mit seiner Erzählung ein beeindruckendes Buch vor.


Es gibt diese eine vibrierende Nacht, die nicht mit Schlaf gefüllt wird, in der sich stattdessen wie im Traum das weitere Leben entscheidet. Andreas Montag erzählt lakonisch, in gleichem Maße eindringlich davon. Die beiden jungen Leute Paul und Linda wohnen in Berlin, im prosperierenden Bezirk Prenzlauer Berg, zwischen Storkower, Oderberger und Kastanienallee, wo die Mieten rasant steigen. Paul singt zur Gitarre eigene Lieder, arbeitet als Hausmeister in dem Gebäude, das Herrn Körner gehört wie viele andere in der Umgebung auch, einem Miethai, von allen Mogul genannt. Er wohnt in der obersten Etage, die eine Tür versperrt, der Fahrstuhl zu ihm kann nur mit einem Code bedient werden. Linda, die ihr Studium aufgegeben hat, in einem Café arbeitet, ist an diesem Sonntagabend zu ihm eingeladen. Sie rätselt beklommen, weshalb und kann sich keinen Reim darauf machen. „Wir müssen mal über ihre Zukunft reden, Linda, hatte Körner gesagt.“ Paul wird ebenfalls unterwegs sein, er hat einen Auftritt in „Robins Garden“ in Weißensee, wo die Kiezbewohner unter sich sind, der unsanierte Hinterhof steht noch in keinem Reiseführer. Pauls Eltern, zu Besuch aus Thüringen, passen auf ihren Enkel auf, Paul und Linda können unbeschwert ausgehen, nur gehen beide jeweils ihrer eigenen Wege. Sie haben jeder dem anderen seine Freiheit zugebilligt; nur wenn es ernst wird, dann sollte Bescheid gesagt werden. Bisher aber hat keiner von seiner Freiheit Gebrauch gemacht. Als Körner seinen Swimmingpool auf dem Dach, dann sich selbst darin vorführt, Linda sich ihm selbstverständlich anschließt, spürt sie plötzlich, dass sie für ihn bereit ist: Macht entfaltet allemal ihre Wirkung. Aber der Mogul hat anderes, Geschäftliches mit ihr im Sinn. Paul spielt Gitarre unter demselben Himmel von Berlin, auch er bekommt ein Angebot, von einem Manager. Ein Professor hält einem imaginären Publikum eine Vorlesung, eine geheimnisvolle Grünäugige lässt nicht von Paul ab. Allmählich wird die Wirklichkeit durch Phantasmagorien ersetzt, nichts ist gesichert, nichts greifbar. Erst am Morgen finden Paul und Linda zueinander. Beide misstrauen vor allem sich selbst. Ist es Verrat, wenn Linda für den Mogul arbeitet? Wird sich Paul untreu, sobald sich Erfolg einstellt? Können sie nach dieser Nacht überhaupt glücklich werden? Und was ist das eigentlich: dieser flüchtige Zustand namens Glück? Montag geht den Fragen nach, die den Leser während der Lektüre und darüber hinaus unmittelbar beschäftigen. Seine unverstellte Sprache, zu der kurze, wie aus Stein gemeißelte Sätze gehören, entwickelt eine ganz eigene Poesie, durch die ihm atmosphärisch dichte Schilderungen gelingen. Andreas Montag, Bibliothekar, Packer, Krankenhausseelsorger, studierte am Literaturinstitut in Leipzig, lebt in Halle und Berlin. Mit seinem Debüt, dem Roman „Karl der Große oder Die Suche nach Julie“ und der Teilnahme an der Lesung zum Ingeborg-Bachmann-Preis 1990 wurde er weithin bekannt. Zuletzt erschienen der Roman „Mannestreu“ sowie das Künstlerbuch „Paradies“ mit eigenen Gedichten und Grafiken von Hélène Bautista (Paris).
Michael G. Fritz



„Glückliche Menschen“
Erzählung
Andreas Montag
Quintus Verlag, Berlin 2022
20,00 €



Dresdner Neueste Nachrichten, 29.12.2022