Michael G. Fritz

Ein Leben für den Rundfunk


Das neue Buch von Peter Kaiser stellt dreißig Begegnungen aus dreißig Berufsjahren des Radiojournalisten vor.
Als ich 1976 nach Dresden zog, traf mich die Tatsache, dass ich aufs Westfernsehen verzichten musste, hart; es war ein tiefer Einschnitt in meinem Leben. Aber unerwartet blieb mir weiterhin mein aus Ost-Berlin gewohnter RIAS; der Sender fand trotz andauernder Störgeräuschen seinen Weg in die äußere Neustadt, ins Hechtviertel. Ich konnte die Literatursendungen verfolgen, in denen jene Dichter zu Wort kamen, die aus den DDR- Gefängnissen freigekauft wurden. Die Stimme der Kritik des legendären Friedrich Luft war jeden Sonntag eine Viertelstunde bis 12.00 Uhr zu vernehmen. Täglich kam Treffpunkt, die Rock- Musiksendung, auf der sich zwischendurch mit seiner Sternzeit Harro Zimmer meldete, der RIAS-Mann im Mond, Weltraumexperte und Autor. Er hat in Peter Kaiser, dem Westberliner Speditionskaufmann-Lehrling, die Leidenschaft für den Rundfunk geweckt. Es liegt nahe, dass Kaiser vierzig Jahre danach als gestandener Redakteur Harro, wie er ihn liebevoll nur mit seinem Vornamen benennt, obwohl sie sich nie duzen, zum Interview in seinem bescheidenen Haus in Lichterfelde aufsucht.
An den Wänden kleben Poster mit Sternenkarten, Orbitalpositionen wichtiger Satelliten und Abbildungen der Apollo 11-Rakete. „Seine Stimme erkenne ich schon nach wenigen Sekunden wieder. Denn mit ihr fing es an, am Abend des 21.Juli 1969, dem Tag der Mondlandung, an dem ich neben Neil Armstrong als 12jähriger durch das furchtbar kalte und dunkle Mare Tranquillitatis stapfte, dem Meer der Ruhe, nur beatmet durch seine Stimme.“ Zimmer, ein überraschend schmaler Mann, ist nicht gerührt, eher erschrocken, als er erfährt, dass er an Kaisers Beruf nicht schuldlos ist – ein Aufeinandertreffen, das enttäuschend verläuft.
Die von Peter Kaiser geführten Interviews sind für verschiedene Sender entstanden, vor allem für den Deutschlandfunk; seine Themen umfassen Jüdisches Leben sowie Wissenschaft und Technik, weil er erfahren möchte, was die Welt zusammenhält. Das Buch wird eröffnet mit Heinz Jacob (Coco) Schumann, dem Gitarristen, der 1943 als Jude denunziert und ins KZ Auschwitz deportiert wird, wo er an der Rampe La Paloma spielen musste. Kaiser interviewt ihn kurz vor dessen neunzigstem Geburtstag. Schumann wohnt in der einstigen SS-Kameradschaftssiedlung in Berlin, in der von den Alliierten nach 1945 Opfer des NS-Regimes untergebracht wurden. Er wusste genau, was mit den eintreffenden Juden geschehen würde, ohne auch nur einem einzigen helfen zu können. Wie kommt man mit der Tatsache zurecht, Zehntausende Menschen in den Tod begleitet und selbst überlebt zu haben? Was macht das mit einem? Kaiser erinnert an Oskar Huth, genannt Hüthchen, Klavierbauer, Maler, Zeichner, Kopist, Fälscher, Widerstandskämpfer gegen die NS-Diktatur. Bei der Musterung Anfang des Krieges gelingt es ihm durch eine Schwejkiade freigestellt zu werden, er avanciert zum kriegswichtigen Zeichner für den Botanischen Garten. Nachdem immer mehr seiner jüdischen Freunde in Konzentrationslagern verschwanden, taucht er unter, sorgt dafür, als Bombenopfer für tot zu gelten. Er beschafft sich eine Druckerpresse und fälscht Buttermarken, Wehrdienstentlassungspapiere, Ausweise, immer in Gefahr, selbst aufzufliegen. Er macht nach dem Krieg nie Aufhebens davon, wird aber keine einträgliche Stellung annehmen können, als wäre in ihm die Fähigkeit zum bürgerlichen Leben zerstört. Huth, das Berliner Original, der freischaffende Trinker, zieht durch die Künstlerkneipen.
Der unbekannte Regisseur Jochen Alexander Freydank gewinnt mit dem Holocaustfilm „Spielzeugland“ den Oscar für den besten Kurzfilm, der zuvor von vielen Festivals im In-und Ausland abgelehnt wurde. Es hieß, er sei zu perfekt. Auf Freydank gab niemand etwas, er hatte sich an Filmhochschulen beworben, wurde sechsmal abgewiesen, seine Ehe mit zwei Kindern
zerbrach darüber, sein Körper reagierte lange mit Krankheit.
Plötzlich meldet sich Los Angeles, der Triumph ist unbeschreiblich. Kaiser interviewt ihn im Künstlerhaus Lukas in Ahrenshoop, wo er Jahre zuvor ebenfalls Stipendiat war. Mit künstlerischer Beharrlichkeit und dem festen Glauben an sich selbst kann es gelingen, sich durchzusetzen.
Horst Zuse bewahrt das Werk seines Vaters, der 1941 in Berlin den ersten funktionstüchtigen Digitalrechner der Welt gebaut hat, nach dessen Prinzip die heutigen Rechner arbeiten, weshalb Konrad Zuse als der Vater des Computers gilt. Im Interview mit einem Toten spricht Kaiser mit dem Sohn von Felix Kersten, Leibarzt und Masseur des SS-Führers Heinrich Himmler. Während der Massagen verhandelte Kersten im Auftrag schwedischer Stellen und des Jüdischen Weltkongresses mit Himmler und erreichte wahrscheinlich, dass einige Konzentrationslager kampflos übergeben wurden, er somit Tausende rettete. Während Kaiser Kerstens Sohn Arno interviewt, ist es, als hätte er die schillernde Person des Vaters vor sich. Genauso verhält es sich beim Gespräch mit dem Sohn von Ephraim Kishon in Tel Aviv, der das Erbe des großen Satirikers hütet, so fern und vielleicht fremd der Vater ihm war. Kaisers Interviews zeigen, wieviel Vergangenheit in die Gegenwart hineinragt und wie sehr wir mit ihr zu tun haben. Die Söhne müssen sich ihr stellen genauso wie wir.
Über diese Interviews hinaus baut sich entlang eines roten Fadens das Bild des Rundfunkmannes auf, der als Kaufmann begann, literarische Bücher schrieb, sich im Sender im alten RIAS-Gebäude in der Kufsteiner Straße unter großen Schwierigkeiten behauptete, das Handwerk des Journalisten erlernte, sich autodidaktisch Englisch beibrachte. Er hat Zurücksetzung und Ablehnung erfahren, ist daran nicht verzweifelt, sondern ein ebenso gewandter wie einfühlsamer, vielfach ausgezeichneter Journalist geworden, der selbst über eine phänomenale Rundfunkstimme verfügt.


Was vom Hören übrigblieb
30 Hörbilder
united p.c. Verlag
260 Seiten; 20,30€


Michael G. Fritz

Dresdner Neueste Nachrichten, 11.1.2022