Michael G. Fritz

Zu Hause in Tel Aviv


Marko Martin gibt in seinem neuen Buch sehr persönliche Einblicke in die israelische Metropole.

Seinem Band "Treffpunkt '89 – von der Gegenwart einer Epochenzäsur" hat Marko Martin den kühnen und zugleich beruhigenden Satz von David Warszawski vorangestellt: "Wer das Jahr 1989 erlebt hat, hat nicht das moralische Recht, Pessimist zu sein." Für den Schriftsteller Marko Martin, in Dresden durch zahlreiche Lesungen bekannt geworden, für ihn ist jenes Jahr eine Geschichte der Befreiung. Er erinnert nicht etwa an das Bekannte, sondern an die Vorgeschichte der Umwälzung ebenso wie ihre heutigen Spuren im Gesicht der Welt. Martins Blick ist ganz und gar nicht eurozentristisch, was damit zu tun hat, dass er in Tel Aviv zu sich selbst gefunden hat. Jahrgang 1970, stammt er aus dem sächsischen Burgstädt, kann aus politischen Gründen nicht studieren, verweigert den Dienst in der NVA und verlässt nach Stasi-Verhören und zermürbenden Schikanen im Mai 1989 die DDR. Die Freiheit findet er in Tel Aviv; seine Jugend beginnt tatsächlich dort. Die erste Reise bestreitet er im Sommer 1991, ein paar Monate nach Saddam Husseins Raketenangriffen, seitdem hält er sich immer wieder, auch über längere Zeit hinweg, in Israel auf. Darüber ein Buch zu schreiben, liegt auf der Hand. Der Titel lautet "Tel Aviv: Schatzkästchen und Nussschale, darin die ganze Welt". Es ist, als machte der Schriftsteller ein Kästchen auf und zöge eine Geschichte heraus, gleich danach die nächste aus dem anderen Kästchen und so fort. Was dem Leser von Anfang an auffällt, ist die ungeheure Neugier auf das Leben. In den Geschichten erobert sich der 21jährige seine Hotels, zumeist billige Absteigen, seine Strände und Clubs, in denen er die Nächte verbringt. Vor allem handeln sie von Begegnungen mit den Einwohnern, die Atmosphäre einfangen und die Historie der Stadt spiegeln, aber auch belegen, wie greifbar nah Geschichte ist. So trifft er auf den Rezeptionisten Simon, einen ungarischen Juden. Als Kind von seinen Eltern auf der Rampe in Auschwitz getrennt, kommt er selbst nach Görlitz, wird gequält von polnisch-jüdischen Kapos, bekommt Brot über den Stacheldrahtzaun vom deutschen Wachpersonal zugeworfen, überlebt glücklich, gelangt ins antisemitisch geprägte stalinistische Ungarn und wird in Budapest von ehemaligen Nachbarn in seinem Vaterhaus davongejagt wie ein Hund. Frage ihn einer danach, wo seine Heimat ist! Um solche Geschichten kommt man nie herum, wenn man Israel bereist, als Deutscher sowieso nicht. Marko Martin hat sie gesammelt. Sie wurden nicht um einer politisch korrekten Schwarzweiß-Sicht willen bereinigt, sondern zeigen unvoreingenommen die Komplexität unserer Welt und sind dadurch überzeugend.
Er lädt uns ein, ihn in dieser besonderen Stadt zu begleiten, in der Tag wie Nacht pulsierenden, ebenso modernen und toleranten wie widersprüchlichen, ewig sonnenbeschienenen und sehr jungen Mittelmeermetropole. Am Ende der Bucht liegt die über dreitausend Jahre alte Stadt Jaffo, zu der die Araber, die sie heute hauptsächlich bewohnen, Jaffa sagen. Auf der kilometerlangen Uferpromenade zwischen den beiden Städten trifft man auf den kompletten Facettenreichtum des israelischen Lebens. Es gibt keinen anderen Ort auf Erden, wo Araber und Juden gelassen nebeneinander flanieren. "Aber nur weil wir die Kontrolle haben", erzählt ein Freund und deutet auf zwei sich küssende Frauen hin. "Könnten die's genauso ungefährdet tun, wären die Mehrheitsverhältnisse andere?" Bei allen Debatten über Israel sollte man nicht vergessen: Tel Aviv ist durch die derzeitige politische Situation der liberalste Ort im Nahen Osten. Nicht nur dass Schwule und Lesben in der Öffentlichkeit Händchen halten können, sie treffen sich jährlich zu einer Parade, bis zu Dreißigtausend ziehen feiernd durch die Stadt. In allen Ländern ringsum müssen Homosexuelle um ihr Leben fürchten.
Martin ist ein unbestechlicher Beobachter, der auch alltäglichsten Ereignissen Bedeutung abgewinnen kann und sie politisch einzuordnen weiß. Er erzählt mit erfrischender Verve und vermittelt gleichsam nebenbei eine Fülle von wichtigen Informationen. Für jeden, der sich mit dem Gedanken trägt, seinen Urlaub in Israel zu verbringen, sollte dieses Buch zur vorbereitenden Pflichtlektüre zählen. Reiner Kunze schreibt über ihn: "Marko Martin ist eine Hoffnung für die Demokratie, ein europäischer Intellektueller, dessen Ideologieferne für seine geistige Unabhängigkeit bürgt. Börne und Heine hätten an ihm ihre Freude."

Michael G. Fritz

"Tel Aviv: Schatzkästchen und Nussschale, darin die ganze Welt" Corso Verlag, 28,00 €

Dresdner Neueste Nachrichten, 06.03.2017, Michael G. Fritz