Michael G. Fritz

Die Mauer der Schuld

Hannahs Verlies


Andreas H. Apelt legt einen neuen Roman vor

"Ich hätte sie nicht einmauern dürfen." Dieser Satz auf der Rückseite eines zerknitterten Fotos, das ein junges Mädchen zeigt, zieht sich von Anfang an als roter Faden durch den Roman. Im Winter 1945 erobert die Rote Armee Schlesien. Nachdemsie das kleine Vorwerk Sophienhof in der Nähe von Breslau erreicht hat, beginnt für die Zivilsten ein ebenso unvorstellbares wie maßloses Martyrium: Vergewaltigungen, willkürliche Erschießungen, Demütigungen und Deportationen nachSibirien.
Der 15jährige Helmuth Harder fasst den folgenschwerenEntschluss, seine jüngere Schwester Hannah zu beschützen, indemer sie im Keller einmauert. Er weiß sich keinen anderen Rat. Helmuth verspricht ihr, sie in drei Tagen, wenn die marodierenden Rotarmisten hoffentlich weitergezogen sind, zu befreien. Dazu jedoch kommt es nicht, er wird verraten und als Werwolf gefangengenommen. Von da an beginnt seine beispiellose Odyssee, die ihn erst einige Jahre nach Kriegsende in ein Niederlausitzer Dorf verschlagen sollte.
Andreas H. Apelt erzählt die Geschichte auf zwei Ebenen, die, beide gleichrangig, sich gegenseitig vorantreiben. Zum einen wird der Lebensweg Helmuth Harders anhand vorgefundener Aufzeichnungen durch seinen Sohn und seine erblindete Tochter Lisa rekonstruiert. Den zweiten Erzählstrang bildet die Geschichte des Sohnes. Nach Helmuth Harders Tod kommt der Journalist bei einem Wochenblatt in Hamburg in das Dorf seiner Kindheit zurück, um die Beerdigung zu organisieren und den Haushalt aufzulösen. Der Leser erfährt, dass sein Verhältnis zum täglich betrunkenen Vater getrübt war, er aus politischen Gründen exmatrikuliert wurde und in den Westen ging. Seine Ehe ist gescheitert, zum ersten Mal seit der Ausreise sieht er seine im Blindenheim lebende Schwester sowie sein verfallendes 2Vaterhaus wieder, die Bank, auf der Helmuth Harder in sich gekehrt saß, den Keller, in den er sich einschloss. Allmählich erkennen beide die Gründe für das befremdliche Verhalten des Vaters, der so viel Leid erfahren hat, dass es ein einzelner Mensch kaum ertragen kann, ohne zu zerbrechen. Was ihm die Kraft gibt durchzuhalten, ist der Wille, sein Versprechen einzulösen, Hannah aus dem Verlies zu befreien, in das er sie gebracht hat, obwohl je mehr Zeit vergeht, die Wahrscheinlichkeit sinkt, sie lebendig anzutreffen. Andreas H. Apelt lässt Harder die äußere Hölle durchlaufen, während er die innere mit sich trägt. In aller Drastik werden die Gräuel des Krieges, die Skrupellosigkeit der NS-Führer, dieVergeltung der Sieger geschildert.
Harder kommt in ein Speziallager in Ketschendorf bei Fürstenwalde, in dem die Gefangenen unter solchen Bedingungen untergebracht sind, die sie unweigerlich in den Tod bringen. Tausende sterben in kurzerZeit. Fünf Jahre verbringt er in einem Lager in Sibirien, wo ihm nichts erspart bleibt. Als Mitglied eines Kommandos, das jeden Morgen die Leichen aus den Unterkünften einsammelt, muss er eines Tages seinen Vater beerdigen, der an Entkräftung zugrunde gegangen ist. Trost findet er bei der Liebe zu einer Frau, deportiert wie er, zu der er lediglich Blickkontakt hat.
Sie aber stirbt an Typhus, was ihm der Lagerarzt verschweigt, ihm dagegen erzählt, sie sei entlassen worden, um seine Hoffnung am Leben zu erhalten. Noch lange nach dem Krieg, nachdem er nicht mehr in seine Heimat, sondern in die Sowjetische Besatzungszone gelangt, ist er vor Verfolgung nichtsicher, wenn er die Wahrheit über die Lager verbreitet. Die Ungewissheit über Hannahs Schicksal, seine Schuld an ihrem wahrscheinlichen Tod lässt ihn am Leben verzweifeln und zum Alkoholiker werden. Helmuths Sohn gerät in diesen Tagen zusehends aus der Bahn, seine Arbeit in der Redaktion wird ihm gleichgültig, nicht nur,dass er seinen Vater neu entdeckt, er wird ebenso mit Lisas 3Wunsch konfrontiert, mit ihm zurück ins einst gemeinsame Haus ziehen zu wollen. Der 1958 in Luckau geborene Schriftsteller und Publizist, der sich in Dresden durch Lesungen einen Namen machte, veröffentlichte zahlreiche Bücher, zuletzt den erfolgreichen Roman "Pappelallee" und Sachbücher zur NS-Geschichte und SED-Diktatur. Mit "Hannahs Verlies" hat er einen sowohl fulminantenals auch sehr emotionalen Antikriegsroman geschrieben, der den Leser von der ersten Zeile an zu fesseln vermag, bis er am Schluss mit Helmuth Harder erfährt, was es mit der Mauer im Keller auf sich hat. Seine Reise in die Vergangenheit, ins heute polnische Schlesien, stellt zweifellos einen der Höhepunkte dieses Romans dar, er zeigt exemplarisch das erzählerische Können dieses Schriftstellers.
Die Nachkriegsgenerationen wissen über die tatsächlichen Zusammenhänge immer weniger; diese in aller Deutlichkeit dargestellt zu haben, ist gewiss zugleich ein Verdienst jenes ungewöhnlichen Romans.

Andreas H. Apelt "Hannahs Verlies"
478 Seiten, Mitteldeutscher Verlag, Halle
20,-€
Michael G. Fritz

12.11.2020, Dresdner Neuesten Nachrichten