Michael G. Fritz

Der unsterbliche Mr. Lindley


Ein Hotelroman Artur Becker erweist sich erneut als ein grandioser Erzähler

Der deutsch-polnische Schriftsteller Artur Becker, der zuletzt als scharfsinniger Essayist mit seinem Band "Kosmopolen" auf sich aufmerksam gemacht hat, übrigens auch in einer Lesung in Dresden, wendet sich mit seinem neuesten Buch "Der unsterbliche Mr. Lindley" wieder dem Genre zu, in dem er sich genauso als Meister erwiesen hat: dem Roman. Vor allen Dingen sind die großen, viel gelobten Romane der letzten Jahre zu erwähnen "Der Lippenstift meiner Mutter", "Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang" und der soeben erschienene fulminante Titel "Drang nach Osten". Der Schauplatz ist dieses Mal allerdings nicht die Heimat des 1968 in Masuren Geborenen, der seit 1985 in Deutschland lebt, sondern Frankfurt am Main, genauer das Hotel Lindley. Jedoch stammt sein Protagonist, der Sexualforscher Professor Robert Brikschinski, ebenfalls aus Masuren; er lebt nun in Berlin. Die vor langem aus Polen ausgewanderte Familie versammelt sich zum jährlichen Treffen in dem Hotel, in dem sein Bruder Jack als Kulturmanager arbeitet. Becker führt uns eine illustre Runde skurriler Figuren vor. Henryk, der cholerische Vater, der mit seiner Frau Klarysa in Kanada lebt, fordert die Tischgesellschaft mit politischen Erklärungen heraus, die den gegenwärtigen Zustand Europas, besonders Deutschlands durch chaotische Zuwanderung von Moslems beklagen, die gegen jedes geltende Recht verstieße. Dieses Land, an dessen Aufbau nach dem Krieg er mitgearbeitet habe, sei nicht mehr das Land wie unter Kohl. Seine melancholische Frau distanziert sich wie Robert von seinen ungestüm vorgetragenen Reden, bleibt aber treu an seiner Seite, ist unglücklich im fernen Kanada, lebt nur wegen ihrer depressiven Schwester dort. Jack spielt leidenschaftlich Gitarre, um vielleicht ein zweiter David Gilmour zu werden, züchtet und vertreibt in den Untiefen des Hotels halluzinogene Pilze, wobei es nur eine Frage der Zeit ist, dass der Handel auffliegt. Robert hat einen gewaltigen Shitstorm zu erleiden wegen seines präventiven Kurses Anonyme Verbrecher, in dem er potentielle Straftäter zu erreichen und therapieren versucht. Zu dem Kreis stößt die ebenso geheimnisvolle wie attraktive russisch-jüdische Künstlerin Larissa, der Robert aller guten Vorsätze zum Trotz nicht zu widerstehen vermag. Diese Liebesgeschichte, die die Erzählung vorantreibt, hat insofern eine gewichtige Hürde zu nehmen, da beide verheiratet sind, weshalb sie nicht offen gelebt werden kann. Larissa, in Kiew geboren, in drei Ländern aufgewachsen, sieht sich als heimatlos wie Robert sich selbst auch. Nach der ersten gemeinsam verbrachten Nacht wissen sie beide nicht mehr, wohin sie gehören, als wären sie nun durch eigene Schuld auf andere Art wiederum heimatlos geworden. Neben der Frage nach der persönlichen Identität ist der Schuldgedanke ein wesentliches Thema dieses Buches, er taucht wiederholt auf, wenngleich in verschiedenen Zusammenhängen. Larissa überredet Robert zu einem Trip, zu dem ihm Jacks Pilze verhelfen. Der Rausch ist eine atemlose Fahrt durch Zeiten und Orte, die an die Hölle erinnern mögen. Er begegnet jenem legendären William Lindley, dem deutsch-britischen Ingenieur, der im 19. Jahrhundert das Abwassersystem Frankfurts sowie Warschaus gebaut hat, dessen Sekretär nun der berühmte Dichter Rolf Dieter Brinkmann ist. Robert, der sich von der katholischen Kirche losgesagt hat, trifft ausgerechnet auf Pontius Pilatus, mit dem er sich einen heftigen theologisch-historischen Disput über dessen Schuld bei der Verurteilung von Jesus einerseits und der Verwirklichung göttlichen Willens andererseits liefert, und wacht endlich in jener Unterwelt auf, die im realen Bahnhofsviertel liegt. Gleich darauf stirbt sein Vater, der inmitten allgemeiner Bestürzung wenig später seine überraschende Auferstehung erlebt. Der Roman mit seiner turbulenten Handlung führt uns an die Abgründe menschlichen Seins, erinnert an die Macht der Liebe und ist vor allem eins: ungemein gut erzählte Literatur.

"Der unsterbliche Mr. Lindley", weissbooks.w, 24,-€


Michael G. Fritz

Dresdner Neuste Nachrichten, 18.11.2019