Michael G. Fritz

Arte Sella
Wo einst die Front verlief, ist heute Kunst zu sehen.


Im anmutigen Sellatal und in den umliegenden Gebirgszügen des Trentino tobten im ersten Weltkrieg erbitterte Kämpfe zwischen österreichischen und italienischen Truppen. Jetzt noch stößt man auf Schützengräben, Granattrichter und überall auf Patronenhülsen – 100 Jahre nach der verheerenden Katastrophe, die am 11. November 1918 endete und nach der die politische Landkarte Europas eine andere war. In diesem Gebiet werden beeindruckende Kunstobjekte ausgestellt, die nur aus organischen Materialien bestehen. Eine Maßgabe lautet: Die Natur muss als universales Gedächtnis gewahrt werden und dadurch physischer und geistiger Teil des Kunstwerks sein. Der Rhythmus der Natur, ihr vorgegebener Kreislauf spiegelt sich im Kunstwerk, das sich im Laufe der Jahre zersetzt und schließlich, wenn es nicht mehr erhalten werden kann, dem natürlichen Ende zugeführt wird, indem man es verbrennt, um durch ein neues ersetzt zu werden. Es begann damit, dass die adlige Familie Strobele aus Wien 1861 eine Villa im Sellatal errichtete. Als nach dem Krieg Südtirol und das Trentino von Österreich abgetrennt und Italien zugeschlagen wurden, blieb die Villa anders als heute möglicherweise erwartet weiterhin im Familienbesitz. Viel später fanden die Nachfahrin Carlotta Strobele, der Kaufmann und Künstler Emanuele Montibeller sowie der Architekt und Städteplaner Enrico Ferrari zueinander. Sie besuchten 1996 Samarkand, wo sie die Idee entwickelten, die Villa und das riesige Areal unter dem Titel Arte Sella künstlerisch zu nutzen. Der deutsche Künstler Rainer Gross schuf die Holzinstallation, die sich wie ein Band durch die Fenster der Villa windet, um schließlich in den Erdboden einzudringen. Die Installation trägt nicht von ungefähr den Titel "The spirit of Samarkand". Später kam als Ausstellungsfläche die wenige Kilometer entfernte Alm Malga Costa (Liegalm) hinzu, die seit den siebziger Jahren nicht mehr landwirtschaftlich genutzt wird. Harmonisch eingefügt in die Natur, die aus Wiese und Wald, Teichlandschaft und Felsen besteht, reiht sich Kunstwerk an Kunstwerk, im Moment sind es insgesamt 65 Objekte. Das vielleicht beeindruckendste ist die von Giuliano Mauri 2001 geschaffene monumentale "Kathedrale". 80 Hopfenbuchen werden von einem Gerüst aus Stützpfeilern zusammengehalten, die ihrerseits mit Ringen versehen sind, die aus über 3000 miteinander verflochtenen Haselzweigen bestehen. Die Setzlinge wachsen pro Jahr ungefähr 50 Zentimeter, schon jetzt ist die überdachende Wölbung und damit das Gebäude zu erahnen, und wenn das Gerüst nicht mehr nötig sein wird, hat die Natur diesen Ort der Besinnung vollendet. Der tragische Umstand der Inszenierung: Mauri wird es nicht mehr erleben. Er starb einundsiebzigjährig bereits 2009. Der deutsche Künstler Anton Schaller lässt sich häufig von Religionen inspirieren, ihn beeinflussten vor allem die goldleuchtenden buddhistischen Bauwerke. Seine 2011 entstandene Holzskulptur "Refugium" ist begehbar und bietet im Inneren eine kleine Sitzbank: ein meditativer Rückzugsort. Der französische Künstler François Lelong schuf eine Installation aus zwölf Porphyrstelen, die jeweils an der akkurat gleichen Stelle ein rundes Loch aufweisen, das den Betrachter geradezu auffordert hindurchzusehen. Angeregt wurde Lelong von der griechischen Mythologie, der heimgekehrte Odysseus siegt im Wettkampf gegen die seine Frau Penelope belagernden Freier, indem er mit dem Pfeil die Schaftlöcher von zwölf in einer Reihe stehenden Äxten durchschießt. Einen direkten Bezug zum Ort bietet die Installation von Rainer Gross "Das Quadrat". Zwei übermannsgroße Dreiecke aus Holz sind jeweils in einem Abstand von mehreren Metern derart platziert, dass ihre Spitzen in einen Schützengraben ragen. Fügt man beide gedanklich zusammen, ergeben sie ein Quadrat: die geometrische Figur, von Menschen erdacht als Symbol für Sicherheit, Stabilität und Ordnung. Die Wunde in der Natur, der Schützengraben inmitten des dichten Buchenwaldes, fiele ohne die Installation kaum auf. Seit Beginn der Ausstellung waren über 120 Künstler aus zahlreichen Ländern zu Gast; viele haben sich durch die Teilnahme an Arte Sella einen Namen gemacht. In jedem Jahr finden sich 100.000 Gäste ein, zu denen neben Touristen vor allem Schulklassen gehören. Ein Besuch ist Teil des Kunst- und Geschichtsunterrichts. Die Naturbühne lädt zu Lesungen, Konzerten und Theateraufführungen. Man kann die Schützengräben dieser Welt zuschaufeln und die Kriege vergessen machen; man kann aber auch die Erinnerung daran wachhalten: mit Kunst wie im Sellatal. Anfahrt von Bozen aus über Levico und Borgo Valsugana nach Malga Costa. www.artesella.it

Michael G. Fritz

Dresdner Neueste Nachrichten, 29./30.12.2018, Michael G. Fritz