Michael G. Fritz

Hinterm Horizont


Johanna Mittag zeigt Malerei und Grafik in der Galerie in der Zentralbibliothek.

Hinterm Horizont ist alles anders, der Blick dorthin eröffnet eine neue Welt.
Er ist per se Neigung und Pflicht jeder künstlerischen Betätigung. Ohne diese kreative Neugier, diese unstillbare Lust auf das Andere, das Unbekannte, nicht Hergebrachte ist künstlerische Arbeit schlechterdings undenkbar, weil dieser Blick auch ins Innere des eigenen Ich geht. Dass Kunst dieses Bemühen benötigt, weiß Johanna Mittag, der Titel der Ausstellung lautet nicht von ungefähr "Hinterm Horizont". Ihre Bilder, assoziationsreiche Auseinandersetzungen mit Farbe und Raum, sind aufs Wesentliche reduzierte, äußerst filigrane, zarte Kompositionen von ungewöhnlich starker Leuchtkraft. Ihre Bilder werden von einer Formensprache bestimmt, deren herausragende Chiffre der eigenwillige Rhythmus ist, der sich dem Betrachter unmittelbar mitteilt, ein Rhythmus, der seine Parallele in der Musik findet.
Nicht von ungefähr bevorzugt sie Schostakowitsch und den Esten Avo Pärt, einen der bedeutendsten lebenden Vertreter der Neuen Musik sowie Philipp Glas. Beim Malen hört sie bewusst Musik dieser Komponisten, allerdings gehören auch Mahler dazu und Bach. Sie ist in Radebeul geboren, die Mutter, eine Kantorin, legt Wert darauf, dass alle drei Mädchen ein Instrument erlernen, Klavier und Trompete werden vergeben, Johanna lernt mit fünf Jahren Violine. Am Ende der ebenso gründlichen wie langwierigen Ausbildung würdigt man ihre außerordentliche Begabung, indem sie Mitglied der Sächsischen Staatskapelle Dresden wird: 1984. Mit 23 Jahren ist sie bereits Erste Violinistin dieses Klangkörpers, der zu den traditionsreichsten der Welt gehört. Johanna Mittag ist es bis heute. Nachdem sie die bildende Kunst für sich entdeckt hat, entstehen ebenso anmutige wie beeindruckende Aquarelle, sie arbeitet mit Öl und Pastell. Die Künstlerin mischt sich ihre Farben selbst, mit Pigmenten und Wasser, fügt mitunter Sand hinzu, wobei ihre bevorzugte Farbe Blau ist, die für Ferne und Klarheit steht. Blau symbolisiert auch Sehnsucht. Sie malt Landschaften, Figürliches, Häuser, denen sie unterschiedliche Charaktere zuordnet - Arbeiten, in denen das Narrative eine Rolle spielt. Johanna Mittag hat zu dem Kreis der Maler gehört, die sich im Atelier von Konrad Maass am Aktzeichnen schulten, möglichst einmal in der Woche. Nie aber hat sie eine Kunstakademie besucht, wie man sie auch keiner Malschule zuordnen kann. Was sie als Künstlerin ist, hat sie aus sich heraus entwickelt, durch ihre stringente Kreativität, mit weiblicher Beharrlichkeit und Leidenschaft. Sie sagt: "Malen ist wie Tanz, Musik wie Laufen". Einem Funktionieren im Rahmen von Abhängigkeiten entzieht sie sich; sie spürt ihren bisher ungenutzten Seiten nach und entdeckt neue Aspekte ihres Seins. Johanna Mittag ist, was immer sie auch angepackt hat, sich selbst treu geblieben. Es ist kein Zufall, dass die Begegnung mit Neuer Musik und Improvisation sie in der Malerei 2009 dazu bringt, erneut hinter den Horizont zu blicken, sie beginnt, sich von der gegenständlichen Malerei zu lösen. Diesen Paradigmenwechsel verdankt sie einem gemeinsamen Auftritt mit Manfred Schnelle, dem in Dresden umtriebigen, 2016 verstorbenen Tänzer. "Kaleidoskop", eine Pastellarbeit, ist eine Komposition aus farbigen, leuchtenden Flächen.
Der Wechsel der Formen und Farben bestimmt die innere Bewegung des Bildes.
Der Rhythmus kommt vom Rand getragen daher, nimmt im Zentrum ein atemraubendes Tempo auf mit einer Fülle von Kleinteiligkeiten und einem Facettenreichtum an Formen. Erst zur Peripherie hin beruhigt sich der Rhythmus, bleibt aber weiterhin bestimmend. Der Betrachter gibt sich diesem Rhythmus hin, er wird vollends gefordert - und ist fasziniert. Als das Herzstück dieser Ausstellung indes können die noblen Bilder aus ihrer minimalistischen Phase gelten. Zum einen sind es die von einer klaren Formensprache dominierten "Begegnungslinien I und II", entstanden durch Kratztechnik auf Farb-Sand-Gemisch auf Leinwand: eine sinnfällige Darstellung menschlicher Verhaltensmuster, die aus Annäherung und Trennung, Anziehung und Abstoßung, flüchtigen und intensiven Aufeinandertreffen bestehen. Zum anderen gehören die Arbeiten auf Papier "Kathedrale" und "Hafenausfahrt" dazu, in denen sie mit dem Hell-Dunkel-Kontrast gearbeitet hat. Über ein Liniengeflecht, das sie verwischt, wodurch der Grundfarbton des Bilduntergrunds entsteht, geht sie mit Weiß. Für Johanna Mittag ein meditatives Tun. Aus dieser Phase ragt die grandiose Arbeit "Momento Ritmico" heraus - ein auffälliges, großflächiges Querformat. Es lebt wiederum von der Abfolge der Flächen, der weißen und schwarzen Flächen, die amorph gestaltet sind. In den von unten nach oben sich entwickelnden schlanken Strukturen setzen in der Waagerechten verlaufene Linien deutliche Zäsuren, nennen wir sie Atempausen. Rätselhafte Orte entstehen, Refugien, die, immer wieder rhythmisch aufgerufen, an Lyrik erinnern mögen. Die Ausstellung in der Galerie in der Zentralbibliothek im ersten Obergeschoss ist bis zum 15. September zu sehen, montags bis sonnabends von 10 bis 19 Uhr.

Michael G. Fritz

Dresdner Neueste Nachrichten, 01.09.2018, Michael G. Fritz