Michael G. Fritz

DIE DREI CHINESINNEN


DIE DREI CHINESINNEN in schwarzen Anzügen und weißen Blusen tänzeln über den Campo San Polo, der weit nach Mitternacht im Mondschein liegt. Sie müssen mich gehört haben, ich entwerfe, vor mich hin deklamierend, meinen Text, den ich im Kopf notiere. Ich bin so laut, daß mein Körper davon dröhnt wie der Campo, zu dessen einzigen Vertikalen ein schlanker hoher Baum und ein Brunnen gehören.
Nicht die Beine der jungen Frauen, eine Melodie scheint sie auf die andere Seite zu tragen, wo sich neben der Pizzeria die Calle auftut, und bevor sie darin verschwinden, drehen sie sich ohne anzuhalten um, winken mir kichernd zu, ihnen zu folgen.
Schon liegt der Campo bewegungsstill, als wäre niemand vorbeigelaufen. Mich selbst, wen sonst suche ich, der mir in dieser Stadt verloren geht, lerne die Landessprache, um zu meiner eigenen zu kommen, spreche mit Fremden, um mich heimisch zu fühlen. Ich haste den Chinesinnen hinterher, meine schweren Schritte hallen von den Wänden. Der Weg geht über anmutige Campielli, über Brücken und Brückchen. Einmal blitzt in einer Kurve das Weiß einer Bluse auf, wehen lange schwarze Haare um die Ecke, daß ich meine, den Windhauch zu spüren, ich rufe schon: Permesso, permesso, was zwar verfrüht ist, aber so weit entfernt sind die Frauen nicht mehr.
Die Calle endet plötzlich am Campo San Giacomo dell'Orio. Das Herz schlägt bis zum Hals, ich laufe umher – nichts. Neben der Kirche picken Vögel, Tauben mit schwarzweißem Gefieder, sie blicken kurz zu mir herüber und gurren aufgeregt.
Sie fliegen gleichzeitig auf, als gehorchten sie einer Order. Es sind drei, die Tauben kreisen noch eine Weile unschlüssig über mir, dann sehe ich sie nicht mehr. Auf dem Pflaster stoße ich auf eine Fotokamera, nicht größer als die Fläche einer Frauenhand, gleich daneben auf zwei weitere: wie verloren bei einem kopflosen Aufbruch.