Michael G. Fritz

MEINE MUSE WARTET AUF DEM FAHRRAD


MEINE MUSE WARTET AUF DEM FAHRRAD an der Kreuzung Vinohradská Ecke Votická in Žižkov, dass die Ampel endlich Grün zeigt, sie hat rosa- und lilafarbene Haare, trägt Vogelfedern an den Ohren und Stöpsel darin. Meine Muse bewegt sich im Rhythmus der Musik, die nur sie hört: Ihr Körper zuckt unaufhörlich, ihre Arme, die Beine, die in durchlöcherten Leggins stecken, sowieso. Man könnte annehmen, meine Muse beschenkt jeden mit ihrem Lachen, dabei lacht sie in sich hinein. In diesem Augenblick hält sie die Welt an, die sich nicht weiterdreht, die Zeit vergeht nicht, überhaupt nichts geschieht. Mein Haar wird nicht grauer, wir werden nicht älter und denken nicht daran, zu sterben. So, genauso sieht das Ende aus - damit, wenigstens ein Trost, alles wieder beginnen kann: In jedem Ende wohnt allenthalben ein Anfang. Dann tritt sie unvermittelt in die Pedale, obwohl ihre Ampel noch längst nicht auf Grün umgesprungen ist, prescht auf die rasenden Wagen zu, auf Hoffnung hin.