Michael G. Fritz

DIE DAME NEBEN MIR STREICHT


DIE DAME NEBEN MIR STREICHT mit den Spitzen der dunkelrot lackierten Fingernägel über ihren Hals, vom Ohrläppchen bis zum Schlüsselbein, in einer genussvoll ausdauernden Bewegung, während sie versonnen lächelnd aus dem Fenster des Zugs schaut. Aber sie sieht nicht die in der Sonne bis zum Horizont sich ballenden Wolken, die Pappelreihen neben den Gräben, die Kopfweiden, gewahrt niemanden um sich herum, der Blick geht ins Leere. Was geschieht mit der Frau, die plötzlich ein wohliger Schauder durchzieht, bei dem sich ihr Mund leicht öffnet? Die Fingernägel, die eine kaum erkennbare Spur auf der Haut hinterlassen, gehören, so scheint’s, einem Fremden. Eine Männerhand berührt sie?
Wie sieht er aus, der ihr das Verzücken ins Gesicht schreibt. Warum will ich wissen, wie er ist: der Mann im anregenden Tagtraum meiner Nachbarin. Beneide ich ihn, warum? Sie zieht Karten von einem Stapel, reiht sie aneinander nach einem undurchschaubaren System, legt ab, findet erneut eine Reihenfolge, um wiederum Karten aus dem Spiel zu nehmen. Am Ende bleiben nur zwei übrig, zwei Bilder, Edelmänner im Harnisch, mit Hellebarden, Schwertern und Federn am Hut. Wer ist Bube, wer König, wer liegt unten, wer obsiegt.
Wenn bis jetzt der Zufall die Entscheidung getroffen haben mag, nun hat sie die Wahl. Zögernd wandert der Mittelfinger von einem Blatt zum nächsten, ohne sich entscheiden zu können, fährt darüber hinweg wie eben noch über ihren Hals, bis er mich an der Schulter berührt, etwas mehr als ein Tippen. Die Dame muss mich anstoßen, sie lacht verlegen und bittet mich, aufzustehen.